Ansgar Hantke

allgemeinmedizinisch-psychotherapeutische Praxis

Öffnungszeiten

Montag bis Donnerstag 08:00 - 12:00 Uhr
Dienstag    16:00 - 18:00 Uhr

Mittwoch Telefonsprechstunde

12:30 - 13:00 Uhr

Patienten OHNE Termin und mit akuten Beschwerden kommen bitte zwischen 11:30 und 12:00 Uhr (montags, mittwochs und donnerstags) oder Dienstagnachmittag zwischen 17:00 und 18:00 Uhr in die Akutsprechstunde - Bitte melden Sie sich für die Akutsprechstunde an, damit wir planen können

ACHTUNG: während der Akutsprechstunde bespreche ich keine Befunde (Facharztberichte etc.) mehr. Dafür lassen Sie sich bitte einen regulären Termin (Sprechstunde, Telefonsprechstunde) geben oder schreiben eine E-Mail.

Hinweis: derzeit sind alle Sprechstundenterminen ausgebucht. Melden Sie sich deshalb für die Akutsprechstunde an!

In der Psychotherapie stellt das Thema Abschied einen integralen Bestandteil des Reifungs-und Entwicklungsprozesses des Klienten dar. Denn Abschied setzt voraus, dass der Mensch ein sicheres und stabiles Bild von seinem Gegenüber, dem anderen,-wie wir es nennen-dem Objekt entworfen hat. Dies ist allerdings nur möglich, wenn das Individuum eine halbwegs sichere Bindung zu seinen primären Bezugspersonen erfahren haben durfte. Trifft dies nicht zu, verliert das Bild vom Gegenüber an Stabilität und Sicherheit, es werden nur Aspekte der Persönlichkeit, ein ganz unscharfes Bild entwickelt. Dieses unscharfe Bild-ähnlich einem unvollständigen Puzzle-schaffen wir Menschen kaum zu integrieren. Es fehlt was, und so scheint unser Geist zu funktionieren, was ergänzt oder zum Abschluss gebracht werden muss, bevor wir es wieder aufgeben können.

Und so funktioniert dann Psychotherapie: zunächst müssen die fehlenden Puzzleteile oder Lücken entdeckt werden. Übersetzt heißt das, der Klient darf lernen, genau hinzusehen, um sein Verleugnen, seine Spaltung oder seinen Verdrängungsprozess aufzugeben. Die Entdeckung dieser fehlenden Puzzleteile ist üblicherweise ein sehr schmerzhafter seelischer Akt, dem Klienten wird das unscharfe Bild und der damit erfahrene Mangel (an Fürsorge, Sicherheit, Autonomie, Loyalität, Individuation etc.) bewusst. Die Bewusstwerdung des Mangels und die damit verbundene Unabänderlichkeit der eigenen Geschichte erzeugen den Wunsch, das Verlangen, die Situation im Hier und Heute zu korrigieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt, tendiert gegen Null. So bleibt dem Klienten nur, diese ursprüngliche nicht erlebten Bedürfnisse oder Wünsche mit den damit verbundenen Gefühlen (in erster Linie Trauer und Wut) aufzugeben. Trauer und Wut sind schließlich probate Mittel, den Abschiedsprozess erfolgreich zu meistern.

In jeder Psychotherapie spielt Abschied eine Rolle. Manchmal steht dieser ganz zentral im Fokus und wird von Beginn an bearbeitet. Psychotherapie muss auch dem Abschied eine so immens wichtige Bedeutung geben, da sie selbst irgendwann endet, der Klient mit dem Abschied sein Leben selbst meistern muss. So sollte der Klient von dem Therapeuten im Rahmen der Psychotherapie ein zunehmend klares und stabiles Bild erhalten, damit Abschied gelegt. Eine Herausforderung stellt die Angst des Klienten dar, sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geben, dass er so antizipiert, ohne Therapeuten nicht mehr klar zukommen. So achtet der Therapeut darauf, dass der Klient seinen Wunsch nach Autonomie bei gleichzeitigem Wunsch nach Fürsorge und Sicherheit in Balance hält. Das Gelingen des Abschieds stellt insofern die Arbeit des Therapeuten und das Bild über sein Beziehungskonstrukt infrage und zur Bewertung frei.

Affektregulierung ist alles. Alles ist Affektregulierung. Affektregulierung bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, seine Gefühle in bestimmten Maßen zu begrenzen. Affektregulierung bedeutet nicht, bestimmte Affekte (zum Beispiel Wut) auszuschließen (dies nennt man Affektisolierung), sondern den inneren und äußeren Bedingungen angemessen zu artikulieren. Ursprünglich entstammend aus der Funktion der primären Beziehungs - und Bindungspersonen im Kontakt mit dem Säugling, bildet die Affektregulierung eins der wesentlichen Werkzeuge in der Auseinandersetzung zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Erfordernissen der Umwelt. Zu Beginn unseres Daseins ist es das Gesicht des Gegenübers (Mutter oder Vater), das adäquat auf die Äußerungen des jungen Lebens zu reagieren hat. Dabei muss die Beziehungs – bzw. Bindungspersonen eine Vorstellung über die im Säugling generierten Affekte haben sowie ein Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten, um adäquate Resonanz anzubieten. Dies nennt sich Spiegeln. Dabei muss für den Säugling erkenntlich sein, dass der Affekt nicht wirklich dem des Gegenübers entspricht, sondern eine Art Übertreibung darstellt (Ammensprache oder Babytalk), um ihn als seinen eigenen Gefühlszustand integrieren zu können. Hier bestehen reichlich Irritationsmöglichkeiten, die die Beziehung zu den primären Bindungspersonen stören können. Wenn primäre Bindungspersonen zum Beispiel eigene nicht gelöste Konflikte mit in die Beziehung zum Säugling herein bringen, kann dieser mit den Gefühlen der Bindungspersonen konfrontiert und damit überflutet werden, was zu Angst führt. In der Folge kann dies zu Störungen der Affektregulierung führen, praktisch übersetzt bedeutet dies, das kleine Wesen entwickelt kein ausreichend funktionierendes Werkzeug, um den aus ihm heraus produzierten Affekten Einhalt zu gebieten. Natürlich geschieht dies nicht nach einem einmaligen Ereignis, sondern braucht – wie wir wissen – zu Beginn des Lebens viele Wiederholungen, um zu bleibender Irritation zu führen. Zum Beispiel wird eine unsichere oder ängstliche Mutter möglicherweise die Bindungswünsche des Säuglings dahingehend missinterpretieren, dass sie einerseits die Angst des Säuglings verstärkt (durch die eigene Angst), andererseits aus Sorge, etwas falsch zu machen, den Säugling zu eng bindet, indem sie diesem Gefühlszustände zuschreibt, die der Mutter entstammen und nicht dem Säugling. Hingegen werden eher depressive Mütter mit der Traurigkeit und der Wut des Säuglings Schwierigkeiten haben, werden diesem eher und häufiger Traurigkeit zu schreiben und entsprechend trösten, obwohl der Säugling zum Beispiel aufgrund seiner Wut, Distanz benötigt. In diesen beiden zwei ausgewählten Fällen wird der Mensch in seiner Entwicklung Defizite in seiner Affektregulierung erleben, die er später zu korrigieren hat, um in Beziehungen zu anderen Menschen zu funktionieren. Denn der in Wut geratene Säugling benötigt Halt, der ängstliche Beruhigung und der traurige Trost. Diese Gefühlszustände sollten primäre Bindungspersonen unterscheiden und von denen, die ihnen angehören trennen können.

Die Affektregulierung nimmt sehr viel Platz in unserem Leben ein. Sie hilft nicht nur bei der Entscheidungsfindung für jedes Individuum, sondern – wie wir heute wissen – ist auch beteiligt an der Konstituierung des Selbst, dem Anteil unseres Daseins, indem wir unser Ich sehen, unsere Persönlichkeit.

 

Ein Drittel meine Praxis aufsuchende Klientel zeigt einen unsicher-ambivalenten Bindungsstil. Sich wiederholende widersprüchliche Beziehungsangebote-so die Bindungstheorie-können in der frühen Kindheit zu diesem unsicher-ambivalenten Bindungsstil führen. Unter widersprüchlichen Beziehungsangeboten ist zu verstehen, dass die primären Bezugspersonen (Mutter, Vater etc.) auf das Verhalten des Kleinkindes entweder zeitlich versetzt oder gleichzeitig auf verschiedenen "Kommunikationskanälen" (verbal, nonverbal) sich gegensätzlich emotional äußern. Zum Beispiel lächelt eine Mutter während sie das Kind ausschimpft, weil es in einem Geschäft die unterste Schublade ausräumt. Oder ein Kind erhält einmal ein bestätigendes Lächeln des Vaters während es die "On" Taste des Computers betätigt, ein anderes Mal ist dieser außer sich und gibt dem Kind einen Klaps. Oder: Mal ist es für die Bezugspersonen in Ordnung, wenn das Kind, weil es weint, zu ihnen kommt. Es wird gedrückt und beruhigt. Ein andermal wird dieses Kind von den gleichen Bezugspersonen zurückgewiesen, in dem es belächelt oder verurteilt wird. Ein Patient fasst sein Erleben so zusammen: „es war ganz egal, wie ich reagiert habe, es war immer falsch.“ Dies zeigt die unheilvolle Folge – nämlich das sich hieraus entwickelnde zeitlich überdauernde dysfunktionale Denkmuster – einer sich immer wiederkehrenden unsicher-ambivalenten Beziehungserfahrung. Diese negative Folge besteht darin, dass das Kind die Reaktion des Erwachsenen nicht vorhersehen kann und deswegen stetig unter Spannung/Unruhe steht. Um dennoch "Sicherheit in der Unsicherheit" herzustellen, entwickelt das Kind z.B. einen wie den o.g. "Glaubenssatz" ("es war ganz egal..."). Wesentlich ist hierbei, dass dieses Beziehungsgeschehen viele Wiederholungen braucht, um als pathologisch für die Bindung zu gelten. Wesentlich ist auch, dass das Kind und damit später der Patient selber bei diesem unheilvollen Beziehungsmuster mitwirkt, indem es/er dafür sorgt, dass der dysfunktionale Denkmuster weiter Bestand hat"

Das zentrale Element dieses Bindungsstiles kann damit als Innere Zerrissenheit oder auch Unvereinbarkeit gegensätzlicher Gefühle beschrieben werden. Nach außen hin zeigt sich diese Zerrissenheit emotional durch überschießende Reaktionen (Impulsivität) und Unruhe, auf der kognitiven Ebene durch Miss – und Fehldeutungen sowie Beziehungserleben (jegliches Verhalten anderer wird auf sich bezogen). Es (das zentrale Element) führt zu einer dauernden Gespanntheit in Beziehungen, weil der Partner mit einem unsicher-ambivalenten Bindungsstil unbewusst folgendes agiert: „mit (dir) geht nicht, ohne (dich) gehts aber auch nicht“ (Unter Agieren wird ein unbewusstes nicht kommuniziertes Handeln verstanden). Er hat quasi die Widersprüchlichkeit aus den Beziehungserfahrungen mit seinen Eltern in seine Partnerschaft übernommen. In Partnerschaften setzt dieses häufig einen Bindungspartner voraus, der selbst (emotional) so stabil ist, dass er das "Hin und Her" der fehlenden Fähigkeit des Patienten, diese Zerrissenheit zwischen Nähe - und Distanzwünschen zu regulieren, aushält.

Während Patienten mit einem unsicher – vermeidenden Bindungsstil ihre Emotionen/Gefühle (bis zu deren Unkenntlichkeit, also zu stark) "down" regulieren, machen Patienten mit einem unsicher – ambivalenten Bindungsstil sprichwörtlich aus "einer Mücke einen Elefanten" oder "viel Lärm um nichts", also eine "up" Regulation. Ihnen fehlt schlichtweg die Fähigkeit, "den richtigen Ton" zu treffen, ihr Gefühlsleben angemessen zu regulieren. Dies ist gut nachvollziehbar, wenn Sie sich vorstellten, Sie sein unter stetiger heftiger Anspannung. In so einer Situation reagiert auch ein gesunder Proband übermässig, ist schreckhaft und sein Ausdruck nicht mehr adäquat. Doch zurück zum unsicher – ambivalenten Bindungsstil. Durch die Bindungserfahrungen aus der Kindheit führt dieser Bindungsstil folgerichtig zu mehr Misstrauen, denn unsicher – ambivalente Individuen gehen davon aus, dass der Bindungspartner ihnen nicht sicher ist. Misstrauen führt seinerseits zu mehr Kontrolle und dem Versuch der Absicherung. Der Bindungspartner ist dabei nicht selten verwirrt oder irritiert oder ärgert sich, weil er sich durch die Kontrolle bedrängt fühlt. Somit überträgt sich eine Spannung auf den Bindungspartner, der seinerseits nun zu heftig reagiert. Nicht selten führt das zur Eskalation mit der Androhung oder Umsetzung einer Trennung. Trennungen sind beim unsicher – ambivalenten Bindungsstil häufig, Beziehungen eher von kurzer Dauer. Wenn es zur Trennung kommt, ist es nicht selten so, dass Menschen mit einem unsicher – ambivalenten Bindungsverhalten die Beziehung nicht wirklich beenden. Sie können schlecht oder keinen Schlussstrich ziehen und "wärmen" Beziehungen gern wieder auf. Sie stehen dann zwischen dem Idealisieren ("das war so schön") und Entwerten ("der letzte Dreck"). Auch sie – analog zum unsicher – vermeidenden Bindungsstil – haben einen Mangel an "Werkzeugen" in ihrem Werkzeugkasten:

Die Selbstwahrnehmung zeigt eine deutliche Verzerrung, einhergehend mit einem Mangel an Identitätsgefühl. Auch die Objektwahrnehmung ist bis nahe zur Unkenntlichkeit verändert, die Objekte werden als groß, bedrohlich oder auch idealisiert ("zu rosarot") dargestellt. Manchmal über -, ein andermal unterschätzen sie ihre Fähigkeiten. Sie unterscheiden sich im Kommunikationsverhalten zu ihrem Gegenüber ganz erheblich vom unsicher – vermeidenden Typus. Sie sind lauter, direkter, schneller bzw. spontaner, wenig feinfühlig. Sie haben wenig Kontrolle über das Ausmaß ihrer Emotionsäußerung (Affektkontrolle, Affekttoleranz usw.). Umgekehrt sieht es in der Kommunikation nach Innen aus (hier fehlt ihnen das Halt gebende Objekt aus der Kindheit) sowie die Bindung nach Innen. Dadurch, dass sie keinen Halt im Sinne eines Selbstvertrauens nach Innen haben und die Bindung zu den Eltern bzw. zu einem Elternteil unsicher war, geraten sie schnell in Selbstzweifel, wenn sie sehen, was sie angerichtet haben. Neben der fehlenden Emotionskontrolle und dem Mangel an Selbstwert zeigen unsicher – ambivalente Individuen eine besonders ausgeprägte Neigung zum Agieren (s.o.). Was ihnen hier fehlt ist die Fähigkeit, zu mentalisieren, heißt, die in ihnen aufkommenden Bedürfnisse, Motive und Wünsche auszusprechen, zu kommunizieren. Dies setzt nämlich voraus, dass diese bekannt und bewusst sind. Genauso wie die Gefühle sind aber auch die Bedürfnisse recht widersprüchlich. In einer therapeutischen Beziehung gilt es deswegen diese Widersprüchlichkeit in den Fokus zu rücken und die Fähigkeit einzuüben, diese aushalten zu können.

Neben der Widersprüchlichkeit in der emotionalen Antwort zeigen elterliche Bezugspersonen in einer unsicher – ambivalenten Bindung zum Kind wenig bis kaum Feinfühligkeit. Ihnen fehlt "das Händchen" für den adäquaten Umgang mit dem Kleinkind. Nicht selten stecken dahinter eigene Trennungserfahrungen, gar eine Ablehnung des Kindes, Überforderung bzw. eigene psychische Belastungen. Heißt: häufig brauchen die Eltern von unsicher – ambivalent gebundenen Kindern selber psychologische Hilfe. Sie sind zu sehr mit den eigenen Bedürfnissen und denen des Kindes "verstrickt".

 

Sollten Sie Fragen haben, sprechen Sie mich an!

Etwa die Hälfte der sich in meiner psychotherapeutischen Behandlung befindenden Klientel zeigt einen unsicher-vermeidenden Bindungsstil. Dieser Bindungsstil ist gekennzeichnet durch eine klassische Erwartungshaltung, nämlich der Gewissheit, in seinen Wünschen und Bedürfnissen letztendlich immer wieder enttäuscht zu werden. Diese Erwartungshaltung erwächst aus den Erfahrungen als Kind mit den primären Bezugspersonen (meist Mutter und Vater). Vor allem sind es die sich stetig wiederholenden frustrierenden Bindungserlebnisse, die das Kind in der Beziehung zum Objekt (jede Person, die dem Kind gegenübertritt wird als Objekt bezeichnet) zu vielfältigen Anpassungsprozessen zwingt. Primäre Bedürfnisse des Kindes nach Halt, Schutz, Geborgenheit, Zuwendung und Fürsorge sowie einer angemessenen emotionalen Antwort verlangen eine ausreichend erkennbare Reaktion durch die Fürsorgeperson/en. Dabei sind Kinder in ihrer Bedürftigkeit sehr unterschiedlich, sodass die primären Objekte unterschiedlich stark gefordert sein können. Wenn diese Bedürftigkeit nicht erkannt und damit nicht ausreichend befriedigt wird, kann sich bei häufigen Wiederholungen ein Gefühl der Enttäuschung manifestieren. Wie wir heute wissen, stellt die Enttäuschung DAS zentrale Element der unsicher-vermeidenden Bindung dar. Genauer gesagt: der Schmerz der Enttäuschung, weil der Säugling frustrierende Erfahrungen primär körperlich erlebt, eine mentale Instanz für das Gefühl der Enttäuschung noch nicht existent ist. Erst mit zunehmendem Alter gewinnt das Kind eine Vorstellung über seine Verfassung, wenn es enttäuscht wird.

Exkurs: insbesondere in den fünfziger und sechziger Jahren-teilweise aber auch bis in die achtziger-war es durchaus gängig, Kinder schreien zu lassen, um sie zu erziehen und/oder deren "Lungen zu kräftigen“. Es galten überwiegend noch die Erziehungsmethoden von Johanna Haarer (der nationalsozialistischen Erziehungsideologin. Ratgeber: "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind ", "Unsere kleinen Kinder" usw.). Wir wissen heute, dass durch diese Art der Kindheitspflege, bei manchem Kind großer Schaden angerichtet wurde.

Die Enttäuschung primärer Bedürfnisse hat-wie oben bereits erwähnt-vielfältige Anpassungsprozesse zur Folge, in deren Rahmen das Kind die Wiedererlangung seiner inneren Homöostase forciert. Säugling und Kleinkind haben zwar noch keine bewussten Vorstellungen über eine Beziehung, doch implizit „weiß es“ von seiner Abhängigkeit von den Fürsorgepersonen. Frustration, Ohnmacht und schließlich Resignation führen zur Anpassung (Adaption) an die primären Bezugsperson/en. Dabei kommt es bereits früh im kindlichen Gehirn zu Veränderungen in den neuronalen Verschaltungsmustern. Motor dieser Prozesse stellen alle Faktoren, die in der Bindung zu Stress führen können, dar. Dabei spielt das Cortisol (dem Cortison ähnlich) der Nebennierenrinde eine bedeutende Rolle. Es sorgt durch Einflussnahme auf die neuronalen Verschaltungen sowie auf bestimmte Zentren des Gehirns dafür, dass es zur Modifikation der Verknüpfungen von Nervenzellen kommt, die normalerweise den Schmerz, aber auch den Antrieb generieren. Doch nicht nur das Cortisol als ein Faktor der hormonellen Steuerung, auch das vegetative Nervensystem durch seinen erhöhten Sympathikotonus (Ungleichgewicht zugunsten des Sympathikus) wirken bei Stress auf höher gelegene Hirnzentren. Dies hat bisweilen zur Folge, dass Klienten als unsicher-vermeidende Bindungspersonen kein Gespür mehr für ihre vielen, sich wiederholenden und erlebten Enttäuschungen entwickeln. Obwohl die Sensorik unauffällig erscheint, wirken diese Klienten so, als ob ihnen das Instrumentarium (oder der „Werkzeugkasten“) für die Detektion des Gefühls der Enttäuschung fehlt. Sie „überhören“, „übersehen“ oder „überlesen“ ihre Wahrnehmung. Diese durch Hormone und das vegetative Nervensystem in Gang gesetzten Anpassungsprozesse führen zu Veränderungen der Struktur des Gehirns. Nicht nur im Sinne des neuronalen Verschaltungsmuster bestimmter Hirnzentren, sondern-und vor allem-des genetisch mitgelieferten und erlernten „mentalen Werkzeugkastens". Das Instrumentarium, mit dem der Mensch sich den äußeren Erfordernissen und inneren Bedürfnissen stellen muss, um das immer wieder in Unruhe geratene innere Gleichgewicht, die Homöostase, wiederherzustellen. Um diese durch Anpassungsprozesse in Gang gesetzten Veränderungen standardisiert zu erfassen wurde ein Fragebogen entwickelt, der bestimmte Fähigkeiten (ich nenne sie „Werkzeuge“ des Werkzeugkastens), die der Mensch in seiner frühsten Lebensperiode entwickelt/erlernt, erfasst.

Der Werkzeugkasten (strukturelle Fähigkeiten). Hierzu zählen:

1)die Selbstwahrnehmung

2)die Objektwahrnehmung

3)die Selbststeuerung/Selbstregulierung

4)die Regulierung des Objektbezugs

(u.a. Interessenausgleich in Beziehungen, Schutz der Beziehung, Nähe-Distanz)

4)die emotionale Kommunikation nach innen

(u.a. Gefühle erleben (Affektwahrnehmung), Fantasien nutzen)

5)die emotionale Kommunikation nach außen

(u.a. Einfühlungsvermögen (Empathie), Mitteilung von Gefühlen (Affektmitteilung))

6)die Bindung nach innen (u.a. Integration von Aspekten früher Bindungspersonen)

7)die Bindung nach außen (u.a. Bindungsfähigkeit einschätzen, Hilfe annehmen)

(Alternative Einteilung der strukturellen Fähigkeiten bei unterschiedlichen Autoren möglich)

Individuen mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsstil haben bereits in frühester Kindheit als die für sie am besten geeignete Strategie erlernt, sich dem Gegenüber/dem Anderen/dem Objekt anzupassen (Adaption). Entsprechend haben sie ihren „Werkzeugkasten“ modifizieren müssen. Generell haben sie dem Objekt mehr Rechte zugeschrieben als sich selbst. Im Bereich der Selbstwahrnehmung zeigen sich häufig deutliche Einschränkung im Bereich der Unterscheidung zwischen Gefühlen (Affektdifferenzierung), der Selbstreflexion und besonders ausgeprägt der Identität. Entsprechend verhält es sich bei anderen Werkzeugen wie der emotionalen Kommunikation sowie der Bindung. Die in diesem Bindungsmuster enthaltene Fokussierung auf das Objekt führt dazu, dass die betroffene Person „sich aus dem Auge verliert“. Wenn ich keine Vorstellung von meinem Gefühlsleben noch von meinen Bedürfnissen und Wünschen habe, so ist folgerichtig der Bindungspartner im Fokus. Dies führt fälschlicherweise zu einer Objektwahrnehmung, die selten der Realität entspricht. Der Bindungspartner-das Objekt-wird „überwertig“. Nicht selten werden deswegen die Objekte (insbesondere die Eltern) entweder idealisiert oder entwertet. „Graustufen“ dazwischen werden nicht wahrgenommen. Die emotionale Kommunikation nach außen erscheint vorsichtig und behutsam und entspricht nicht annähernd dem wirklichen Erleben der betroffenen Person. Wird diese gefragt, weswegen sie sich so vorsichtig verhält, zeigen sich häufig Fantasien über Trennungsängste. Diese sind es schließlich auch, die den Blickwinkel an einem sehr bedeutsamen Werkzeug einschränkt: der Empathie (Einfühlungsvermögen). Unsicher-vermeidende Personen behaupten nicht selten, sie hätten ein gutes Einfühlungsvermögen und wüssten deswegen gut, was der Bindungspartner bräuchte. Tatsächlich zeigt sich regelhaft eine deutliche Einschränkung des Einfühlungsvermögens, die dadurch begründet ist, dass die betroffene Person Empathie und Identifikation verwechselt. Der unsicher-vermeidenden Bindungsstil bringt nicht selten die betroffene Person dazu, sich mit seinem Bindungspartner zu identifizieren, mit dem Ziel, seine Wünsche „von den Lippen ablesen zu können“. Empathie setzt allerdings die Fähigkeit, das Werkzeug, voraus, sich als gleichberechtigte Beziehungspartner „auf gleicher Augenhöhe“ zu begegnen. Dies ist bei Individuen mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsstil eher selten, die Beziehung ist häufig komplementär (heißt: sie beruht nicht auf Gleichheit, sondern Unterschiedlichkeit in Anlehnung zur „komplementären Kommunikation“ nach P. Watzlawick. Näheres https://lexikon.stangl.eu/12301/komplementaere-kommunikation ). Um dem Gefühl der Leere zu entgehen, findet sich nicht selten ein „klammerndes“ Verhalten in Beziehungen. Das Gefühl der Leere liegt häufig darin begründet, dass die betroffene Person zu wenig positives Beziehungserleben erfahren hat. Positive Beziehungserfahrungen sind allerdings der Schlüssel dazu, um in Notsituationen (unter Stress) auf sinnvolle, angemessene und erfolgversprechende Lösungen zurückgreifen zu können.

Der unsicher-vermeidende Bindungsstil hat natürlich auch Konsequenzen für die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Da der Psychotherapeut im Gegensatz zu anderen (zum Beispiel zum Bindungspartner des Betroffenen) die oben genannte klassische Erwartungshaltung kennt, kann er adäquat auf die mit diesem Bindungsstil verbundenen Glaubenssätze reagieren und intervenieren. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie ist vor allem in der Bewusstwerdung der Enttäuschungen und der damit verbundenen (seelischen) Schmerzen sowie die Aufdeckung aller Mechanismen, die der Klient (unbewusst) dafür einsetzt, um nicht von seinen Anpassungsleistungen/Glaubenssätzen lassen zu müssen, zu finden.

 

Dysfunktionale Denk – und Verhaltensmuster sind konsequente Folgerungen aus Glaubenssätzen (s. "Wesentliche Aspekte von Glaubenssätzen"). Sie sind überwiegend unbewusst (“die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut”). Sie verhalten sich zu den Glaubenssätzen “kreisförmig”, das heißt, sie bestätigen sich gegenseitig.

Wenn ich z.B. der Überzeugung bin, dass mich keiner mag oder sich nicht für mich interessiert, dann werde ich unbewusst dafür Sorge tragen, dass dies auch so eintritt (was auch gern als “Selbsterfüllende Prophezeiung” bezeichnet wird). Ich werde mich anderen Menschen gegenüber zurückhaltend verhalten, verschlossen sein oder gar zurückweisend. Dies führt dazu, dass der Gegenüber sich tatsächlich (häufig nach mehrfacher Frustration) nicht mehr interessiert und den Glaubenssatz dadurch bestätigt. Konsequenterweise nimmt der Betroffene dies als fehlendes Interesse der Umgebung an seiner Person wahr. Er überprüft hier den Blickwinkel des Anderen nicht, wozu er sich mit diesem identifizieren müsste oder reflektiert auch seine Sicht der Dinge nicht, was als Verleugnung bezeichnet wird. Er sieht seine Situation als gegeben an oder geht davon aus, dass er Opfer der Umstände sei. Dieses fatalistische Denken ist mit ein Grund, weswegen Menschen so schwer aus ihrer Depression herauskommen. Wie könnte man einem “Opfer” unterstellen, seine “Finger im Spiel” zu haben? Diese Menschen erleben es eher als Unverschämtheit, dass jemand auf die Idee kommt, ihm eine Absicht zuzuschreiben. Tatsächlich steckt in dem Glaubenssatz auch eine Art “Motor”, quasi die Motivation, immer und überall in der Außenwelt seinen “Glauben” bestätigt zu bekommen. Bei genauerer Erforschung stellt sich bei jedem Patienten aber heraus, dass es Ausnahmen von der Regel (Glaubenssatz – dysfunktionales Denkmuster) gibt. Diese werden gern verleugnet, verdrängt oder gar abgespalten. Erst durch vorsichtige Konfrontation mit diesen Ausnahmen fällt dem Betroffenen die Brüchigkeit seiner Gewissheit, seines Glaubenssatzes auf. Unter der Therapie werden die Ausnahmen von der Regel also aufgedeckt (“Realitätsprüfung”). Je nach Persönlichkeit stoße ich damit als Therapeut auf unterschiedlich starke Abwehrformationen. Teilweise wird kurz nach der Aufdeckung sogar wieder das Geäußerte verleugnet. Freud sprach nicht umsonst vom “Durcharbeiten”, was heißt, dass es wiederholter Konfrontation bedarf, damit der Klient erkennt, dass sein Glaubenssatz nicht wahr ist, wahrscheinlich noch nie wahr war! Das Entsetzen darüber oder das Entdecken der tatsächlichen Inszenierung führt üblicherweise zu starker emotionaler Reaktion.

Es gibt verschiedene Strategien in der psychotherapeutischen Arbeit, den psychotherapeutischen Prozess in Gang zu bringen. Hier stelle ich Ihnen die Arbeit mit dem Inneren Kind vor.

 

Der Begriff des Inneren Kindes ist vielen Klienten bereits vor Therapiebeginn bekannt, schon deswegen wohl, weil intuitiv jeder erahnen dürfte, was gemeint ist: der eine nennt es “meine innere Stimme“, „die Stimme in mir” oder „mein Bauchgefühl“. Es ist das, was fernab vom logischen Denken in uns existiert oder anders ausgedrückt, die Irrationalität jeder Persönlichkeit per se darstellt.

Dennoch möchte ich hier ein paar kurze Anmerkungen zur Definition hervorbringen:

 1)Das Innere Kind als lebendige Vorstellung, Abbild oder Gedächtnisspur, quasi als Fotografie der ersten Lebensperiode, der Kindheit (“so war ich”)

2)Das Innere Kind als Erlebniswelt, als die Summe aller Impulse, Gefühle und Erfahrungen mit allen seinen Kränkungen, Bestrafungen und Selbstvorwürfen (“das habe ich erlebt”)

3)Das Innere Kind als Bindungspartner, das im Hier und Jetzt nackt und unverhohlen dem Erwachsenen sein Erleben und seine Bewertung präsentiert (“das ist meine Haltung”)

Hier in Anlehnung an die Freud`sche Triebtheorie am ehesten das “ES

4)Das Innere Kind als Ressourcenquelle (“das sind meine Pfeiler”)

5)Das Innere Kind als Äquivalent zu allen ersehnten, aber nicht gelebten Bedürfnissen und Wünschen (“das hätte ich gern”)

 

Voraussetzungen für die Arbeit mit dem Inneren Kind sind:

a)ausreichend Fantasie und Vorstellungskraft

b)ausreichende psychische Stabilität (eine schwere depressive Episode oder eine ausgeprägte Angststörung stellt eine Kontraindikation dar)

 In einem ersten Schritt werde ich Sie als Psychotherapeut auffordern, sich in zwei Personen zu denken (zu spalten): das “Erwachsenen Ich” und das “Kind Ich” (im folgenden Inneres Kind). In einem zweiten Schritt folgt dann die Aufnahme eines Dialogs zwischen Ihnen und Ihrem Inneren Kind, zwischen Psychotherapeut und Ihnen oder auch zwischen Psychotherapeut und Ihrem Inneren Kind. Dabei geht es nicht nur um das Erkunden der Erlebniswelt des Inneren Kindes, sondern auch und vor allem um den Umgang des Erwachsenen mit dem Inneren Kind und umgekehrt. Da ich mit der Bindungstheorie (s. dort) arbeite, findet sich häufig hier bereits schon der Ausdruck des gesamten Krankheitsgeschehens. Denn der Schlüssel zu diesem Vorgehen ist so einleuchtend wie auch einfach: Sie als Klient gehen häufig mit Ihrem Inneren Kind genauso (z.B. desinteressiert) um, wie ursprünglich ihre Eltern/Vater/Mutter als Erwachsene mit Ihnen (z.B. desinteressiert) umgegangen sind. So werde ich Sie in einem dritten Schritt bitten, sich jeweils in die eine wie in die andere der beiden Personen hineinzufühlen. Dieser Switch kann relativ mühsam sein, da sich meistens aus Richtung des Erwachsenen Ich eine Art Sperre (in der Psychotherapie als Widerstand bezeichnet) zeigt, um eben nicht in die Erlebniswelt des Inneren Kindes vorzudringen. Dieser Widerstand ist eine Art Schutz, um das Nachaußendringen von unangenehme Gefühlen (z. B. seelischer Schmerz des Inneren Kindes) in die Erlebniswelt des Erwachsenen zu verhindern. Gleichzeitig ist allerdings die Verbindung der beiden miteinander die Lösung der Schwierigkeiten in der Beziehung und damit Ihres Krankheitsgeschehens. Anders ausgedrückt: Kommen Ihr Inneres Kind und Sie zusammen, ist bereits ein großer Schritt im psychotherapeutischen Prozess vollzogen. Das Ziel nämlich ist, dass Sie Verständnis für das Erleben und das Erlebte Ihres Inneren Kindes erfahren. In einem letzten Schritt gilt es dann nach Ihrem Inneren Kind zu gucken, in wiefern es nun Vertrauen zu Ihnen als Erwachsenen gefasst hat. Sollte dieses noch nicht erreicht sein, wiederholen sich die letzten Schritte so lange, bis das Ziel erreicht ist:

 

 1)Verständnis (Verständnis meint hier ausdrücklich das umfangreiche Verstehen einschließlich des Einfühlenkönnens) des Erwachsenen in das Innere Kind und

2)Vertrauen des Inneren Kindes in den Erwachsenen

 Nebenbei:

Es gibt ein organisches Korrelat, was unter der Arbeit mit dem Inneren Kind profitiert: die Verbindung zwischen dem limbischen System (Inneres Kind) und dem präfrontalen Kortex (Erwachsenen Ich). Durch den psychotherapeutischen Prozess werden neue Verbindungen zwischen diesen beiden Zielorten geknüpft, erneuert bzw. alte intensiviert.