Ansgar Hantke

allgemeinmedizinisch-psychotherapeutische Praxis

Morbus Smartphonus (ICD-10: F19.-): eine mittlerweile pandemisch auftretende hochansteckende häufig zur (vermutlich) lebenslangen Abhängigkeit führende mediale Erkrankung, die primär eine erhebliche Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit und der Aufmerksamkeit zur Folge hat.

Krankheitsbild: Es besteht eine große Abhängigkeit vom Objekt (Smartphone). Die Abwesenheit wird schlecht, kaum oder gar nicht ertragen. Der Erkrankte greift noch im Halbschlaf in der Früh als erstes zum Objekt. Abends ist die Trennung vom selbigen (wegen der Nachtruhe) nur unter schwerer selbstauferlegter Disziplin möglich. Es wird von Fällen berichtet, in denen die Notwendigkeit eines stetigen Körper – oder gar Hautkontaktes auch nachts als essentiell erachtet wird. Zittern, Unruhe, haltloses Weinen, Schreien, unwillkürliches Aufschrecken, Schweißausbrüche, Brustenge, Bauchbeschwerden, Krämpfe, die ängstlich visuelle Suche nach dem Objekt sind Zeichen der Chronifizierung und Abhängigkeit. Einschränkung der Konzentration und Wahrnehmung. Unverständnis anderen gegenüber, die sorglos mit dem Smartphone umgehen: „wie kann man sein Smartphone verlegen? Mein erster Blick ist morgens auf das Smartphone. Ohne gehe ich gar nicht mehr vor die Tür“. Neben der reduzierten Aufmerksamkeit fällt eine enorme Reizbarkeit auf, z.B. wenn der Kontakt zum Objekt durch äußere Umstände unterbrochen wird (u.a. bei Unterrichtsbeginn durch den dann anwesenden Lehrer). Hier auch impulsives Handeln möglich (CAVE: beim Beschlagnahmen des Smartphones kann der Erkrankte durchaus um sich schlagen!). Möglicherweise besteht eine erhebliche Einschränkung der Vigilanz. Der Erkrankte erscheint dann benommen, gar somnolent, Übergänge zu komatösen Zuständen werden beschrieben. Nur laute Ansprache oder ein kräftiger Griff vermögen dann den Erkrankten aus seinem tiefen Kontakt zum Objekt herauszuholen. Der Verlust kommt ähnlich dem Gefühl gleich, sein Baby versehentlich in der U-Bahn liegen gelassen zu haben. Die Haltung ist bezeichnend und ebenfalls ein wichtiges Kriterium zur Diagnosestellung: die typische Neigung des Kopfes sowie des Oberkörpers nach vorne, um konstanten Sichtkontakt zum Objekt zu haben. Dabei fixieren die Betroffenen minuten – bis stundenlang die „Benutzeroberfläche“. Sie „wischen“, „tippen“ und benutzen im Extremfall Daumen und Zeigefinger, die sie auf dem Display entweder auseinander – oder zusammenführen (wahrscheinlich entsprechend einer „Zoomfunktion“). Durch die enge Beziehung zum Objekt ist die Wahrnehmung der Umgebung durchaus so stark eingeschränkt, dass mit schwerwiegenden Unfällen (bis Todesfällen) zu rechnen ist. In Fachkreisen wird diskutiert, ob es sich letztendlich nicht doch um eine Beziehungs – bzw. Bindungsstörung handelt. Dabei bestehen Zeichen einer unsicher – ambivalenten Bindung in mehr als 70% der Fälle. Beobachtungen haben gezeigt, dass vor allem junge Mütter (aber auch Väter) das Smartphone häufig dem menschlichen Nachkommen (gemeint ist hier der Säugling oder das Kleinkind) vorziehen. Das ist natürlich nicht verwunderlich, da das Smartphone weder gestillt, gefüttert, gewickelt noch beruhigt oder beschäftigt werden muss. Therapie: bisher gibt es kaum Erfahrungen geschweige denn Studien, die einen Nutzen von kognitiver oder tiefenpsychologischer Psychotherapie belegen. Deswegen wird politisch ein „digital wellbeing“ favorisiert. Das meint, dass Google, Apple, Facebook und Instegram „intensiv“ an einer kunden – bzw. patientenfreundlichen Lösung arbeiten „wollen“, in dem sie z.B. eine zeitliche Beschränkung der Nutzung des Smartphones als Option anbieten wollen. Soviel „wellbeing“ ist doch schon rührend! Oder?